Entschuldigung, wo geht es hier zum Alltag, bitte?

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Der Staub der Ankunft legt sich etwas und lässt langsam mehr Raum zum Atmen und sich Umgucken. Einige Routinen stellen sich ein, ich lerne meine Studierenden besser kennen und saß mit Wein und Baijiu bei meinem Nachbarn auf dem Sofa. Ein gehöriger Teil meines Lebens funktioniert. So weit, so gut.

Und dann gibt es die Dinge, die nicht funktionieren. Wie der Shuttlebus, der bereits zwei Mal einfach an mir vorbeigefahren ist anstatt mich mitzunehmen. Derzeitige Arbeitshypothese: Ich stand an der falschen Haltestelle. Leider kann mir niemand die richtige mitteilen. Oder als ich eine Nudelsuppe wollte und Suppe ohne Nudeln bekam. Oder wenn ich einen Spaziergang über den Campus mache und danach so fertig bin, dass ich den Nachmittag auf dem Sofa verbringe anstatt durch die Stadt zu laufen. Das Gefühl, wenn Kleinigkeiten nicht funktionieren. Wenn das, was ein- oder zweimalig aufregend ist, beim vierten, fünften, sechsten Mal einfach nur noch anstrengend wird. Ganz simpel gesagt: Wenn der Alltag einfach noch nicht funktioniert.

Nun macht zwar maulen und meckert Spaß, wirklich erfolgsversprechend oder zielführend ist das aber nun doch nicht. Wie also damit umgehen? Ich nenne es die Entspannungs- und Erlebnisinsel-Taktik. Das Ruhebedürfnis akzeptieren und annehmen (in Form von Netflix, Büchern und keinem sozialen Kontakt) und dabei gleichzeitig die Balance zu spannenden, ultimativen, Nur-hier-und-nirgend-sonst-Erfahrungen halten. Erfahrungen wie Hotpot-Essen mit Studis, Chinesischunterricht mit Mongolen, Pferdekopfgeigeunterricht auf Chinesisch oder simples Busfahren. Einen guten Alltag macht doch die rechte Mischung aus Langeweile und Spannung aus. Nur das Verhältnis zueinander, das muss ich noch rausfinden.

(Ja, wir haben eine Jurte auf dem Campus. Sie wandert. Auf dem Foto stand sie im Innenhof der Architekturfakultät. Jetzt steht sie gerade auf einer Wiese. Eine wahre Nomadin, diese Jurte.)

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10 Erkenntnisse aus dem Unterricht

  1. Es ist die Woche nach der Bundestagswahl. Als ich fragte „Wer weiß, was letztes Wochenende in Deutschland passiert ist?“ antwortete ein Chor aus 15 (von 50) Stimmen mit „Merkel“.
  2. Dafür kannte aber die Lerngruppe gemeinsam alle Parteien, die jetzt im Bundestag sitzen werden. Landeskunde läuft hier.
  3. Die größte Challenge: Wofür steht FDP? Wusste keiner. Die Buchstaben kann ich  beantworten, beim Inhalt muss ich leider auch passen. Hat mich aber zum Glück auch niemand gefragt.
  4. Ich bilde mir ja gerne ein, so viele Perspektiven wie möglich nachvollziehen zu wollen und meistens auch zu können. Ob das nun stimmt oder nicht, bei der AfD stoße ich in jedem Fall auf meine Grenzen. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum man diese Partei wählt. Die neutralste Beschreibung ihres inhaltlichen Fokus, deren ich fähig bin, war „Sie mögen keine Ausländer in Deutschland haben und möchten am liebsten die Grenzen schließen, damit niemand mehr kommen kann“. Daraufhin starrten mich 52 (okay, 48, ein bisschen Schwund ist immer) große Augenpaare an und die vorderste Reihe verbalisierte das mit einem simplen „Warum?“. Da ich mir seit ungefähr zwei Jahren genau diese Frage stelle und bis heute keine befriedigende* Antwort gefunden habe, musste ich leider passen. Ich habe keine Ahnung. Hilft mir jemand?
  5. Die Hobbys der Mehrheit meiner Studis sind Essen und Schlafen. Ich hoffe, sie bringen mir demnächst kochen bei.
  6. Wenn ich einen Namen richtig ausspreche, applaudiert der gesamte Kurs. Ich nehme es als Motivation.
  7. Wenn Powerpoint nicht funktioniert, geht immer noch PDF.
  8. Ich sollte so schnell wie möglich den literaturwissenschaftlichen Abschnitt eines Germanistikstudiums nachholen. Oder zumindest vom Deutsch-LK. Crashkurs, guten Tag.
  9. Ich habe in meiner kompletten Oberstufenzeit nicht einmal Goethe gelesen. Wie gut, dass ich gerade Literatur für Germanistikstudierende unterrichte.Jinsuan Campus Hauptgebäude 2
  10. Als ich das Hauptgebäude des Campus zum ersten Mal sah, kategorisierte ich es als „Sowjetstyle trifft China trifft Mongolei“. Ein Kollege beschrieb es als „wie das Hauptquartier eines Comic-Bösewicht, nur im echten Leben“. Das ist viel besser. Ich nehme meins zurück.

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*Die Antwort „Angst“ ist nicht zielführend und reicht nicht aus. Die Antwort „Unzufriedenheit“ auch nicht (nicht, solange der gesamte Cum-cum/cum-ex-Komplex und seine Verantwortlichen nicht ebenso angegriffen werden, obwohl da der Euro-Gegenwert von hundertfacher Flüchtlingshilfe gestohlen wurde). Und irgendwie weigere ich mich, alles unter „Dummheit“ abzustempeln. Das erscheint mir zu kurz gegriffen.

Wie ist denn dein Chinesisch? [2]

Wie ich bereits veranschaulicht habe, kann ich kein Chinesisch. Ich brauche Unterricht, klare Sache. Das hatte ich seit meinem zweiten Tag in Hohhot auch genau so meiner Ansprechpartnerin im International Office mitgeteilt. In mehr Worten. Und ein-zwei (oder fünf) Anekdoten. Zu meinem Glück kann der Lehrer des Anfängerkurses nicht nur Mongolisch (die Unterrichtssprache), sondern auch genug Englisch, um überzeugt zu werden, mich teilnehmen zu lassen.

So weit, so gut. Ich bekomme den Stundenplan und stelle fest, dass ich alle drei Termine in der Woche besuchen kann. Der Stundenplan ist auf Chinesisch geschrieben, ich kann ihn also nicht lesen, aber eine gute Seele übersetzt mir die wichtigsten Informationen schriftlich. Ich vergewissere mich am Abend vorher nochmal, ob ich das richtige Gebäude im Kopf habe. Es wird mir bestätigt.

Mein Unterricht beginnt um 10.10 Uhr in Raum 1023. Dieses System habe ich schon verstanden, Raum 1023 liegt im zehnten Stock. Es ist Punkt 10 Uhr. Leider geht der Aufzug nur bis in den siebten. Auch die Gebäudekarte weiß nur von sieben Stockwerken. Ich folgere messerscharf: Ich bin im falschen Gebäude. Sherlock wäre stolz auf mich.

Naja, oder halt auch nicht. Ich weiß nämlich nicht, wo ich jetzt hin muss. Ich gehe zum Zimmer hinter der Rezeption, dort sitzen vier ältere Damen. Ich halte ihnen meinen (chinesischsprachigen) Stundenplan unter die Nase. Sie fangen an zu diskutieren. Ich weiß nicht, worüber. Ich hoffe, über meinen Unterrichtsraum. Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich versuche meine Übersetzung-App zu nutzen. Kein Erfolg, mein Internet ist seit Tagen viel zu langsam und nichts lädt. Eine der Damen schreibt chinesische Schriftzeichen auf einen Zettel, gibt ihn mir und zeigt in Richtung Norden. Das hilft mir leider nicht viel, wir sind am Südtor, der ganze Campus ist nördlich von uns. Aber immerhin habe ich jetzt einen Zettel auf dem etwas steht, also lächele ich und bedanke mich, was wiederum Begeisterungsstürme ausruft, weil ich nämlich immerhin „Danke“ auf Chinesisch sagen kann (ich kann ja sonst nichts, aber immerhin genüge ich meinen eigenen Höflichkeitsansprüchen). Ich gehe raus und halte dem nächstbesten Studenten meinen neuen Zettel unter die Nase.  Er glaubt, ich will zum Shuttlebus. (Bitte, danke, den finde ich mittlerweile in 2/3 der Fälle, immerhin.) Eine der Damen läuft raus und stellt irgendwas richtig. Ich schaue sie an, wie eine Kuh, wenn es donnert (ich verstehe nämlich immer noch nichts). Dann winkt sie einem Mitarbeiter und erklärt ihm, dass er mich zum Unterricht bringen soll. Währenddessen versinke ich in der Betrachtung der Ironie der Situation: Ich möchte zum Unterricht, um Chinesisch zu lernen und komme dort nicht an, weil ich nicht genug Chinesisch kann.

Dann laufe ich also diesem Mann hinterher. Wir gehen an einem der Hauptgebäude vorbei und ich denke, dass ich wahrscheinlich hier hin muss. Es sieht auf jeden Fall so aus, als habe es zehn Stockwerke und der gute Mann redet auch auf mich ein (immer noch: Kuh-wenn-es-donnert-Blick, hat sich in den letzten Minuten leider noch nicht geändert). Dann gehen wir aber an dem Gebäude vorbei, einmal quer über den Campus in ein anderes Gebäude in ein anderes Rezeptionshinterzimmer. (Unter der Treppe. Leichter Harry-Potter-Vibe.) Dort sitzen ein paar Männer und Frauen, alles Angestellte der Uni. Eine Frau schläft und eine stickt. Und es wird diskutiert. Ich zeige erneut meinen Stundenplan herum. Es wird mehr diskutiert. Ich werde etwas gefragt. Ich lächle. Mir wird ein Platz angeboten. Ich setze mich. Mittlerweile ist es 10.30 Uhr.

Einer der Männer verlässt den Raum und kommt nach einiger Zeit wieder. In seinem Gefolge: Meine Rettung in Form eines Architekturdozenten. Er kann Englisch. Halleluja.

Ach ja, meine Kommilitonen im Chinesischunterricht sind drei Offiziere aus der Mongolei, die kein einziges Wort Englisch sprechen. Das wird spaßig.

Ankommen

Da Zhao 1Da Zhao 2Hohhot1Hohhot2Hohhot3Hohhot4Hohhot5Hohhot6Hohhot7Inner Mongolia Musem 6Inner Mongolia Museum 1Inner Mongolia Museum 2Inner Mongolia Museum 3Inner Mongolia Museum 4Inner Mongolia Museum 7Küche

In ein unbekanntes Land zu ziehen ist ein bisschen wie die Restart-Taste zu drücken. Grundlegende Fragen des Alltags müssen neu beantwortet werden: Wo bekomme ich Trinkwasser? Wie finde ich vegetarisches Essen? Wie funktioniert Busfahren? Wieso funktioniert der Ablauf nicht? Welche Knöpfe drücke ich an der Waschmaschine, damit sie macht, was ich möchte? Wo ist der Supermarkt? Ist das wirklich Honig, was ich gerade kaufe? (Nein. Apfelsirup.) Wo steht das Öl? Wie funktioniert die Mensa? Wo fährt der Shuttle-Bus zum anderen Campus ab? Was können meine Studis schon und was muss ich ihnen noch beibringen? Wer im Himmel hat sich bloß dieses Lehrwerk ausgedacht? Kann ich einen Sprachkurs belegen? (Ja. Unterrichtssprache: Mongolisch.) Wo ist die nächste Post? Und was ist eigentlich meine eigene Postanschrift?

Die ersten Wochen sind dem Ankommen gewidmet. Es mag die Menschen geben, die sofort und überall losspringen, die die Bewegung brauchen. Ich kann das nicht und nehme mir Zeit. Zeit, den Campus kennenzulernen, in Bussen durch die Stadt zu fahren, um Kontakte zu knüpfen und vor allem in Ruhe Zuhause alles zu verarbeiten. Hohhot begrüßt mich mit Spätsommer, Lächeln und (meistens) blauem Himmel. Wir lernen uns kennen, die Stadt und ich.

Sommer zweitausendsiebzehn.

SchreibenKiliani 1MeloneneisKiliani 2HeißluftballonBamberg

Sommer. Das war lange diese eine Woche Ende Juli. Die, wenn der Regen aufhört und die Sonne rauskommt. Wenn die Sommerferien an ihrem Höhepunkt ankommen und das Wetter die Bezeichnung „Sommer“ferien endlich rechtfertigt. Dann zog ich nach Süddeutschland.

Jetzt beginnt der Sommer Mitte Mai und zieht sich bis Mitte September. Anfang Juni stöpselte ich den Ventilator ein und packte die Stricksachen weg. Und dann packte ich sie wieder aus und trotze seitdem den Temperaturen. Sommer ist, wenn sich meine Dachgeschosswohnung so sehr aufheizt, dass die einzige Erleichterung Meloneneis zum Frühstück und weit aufgerissene Fenster sind – letzteres, um zumindest das Gefühl eines Durchzugs zu suggerieren (und ersteres weil Erwachsen sein manchmal bedeutet, das machen zu können, was man als Kind nie durfte).

Sommer ist es, wenn der Blick durch die Sonnenbrille einen permanenten Instagram-Filter auf die Welt legt. Wenn die Bibliothek zum letzten Refugium wird, den dicken Wänden aus dem vorvorletzten Jahrhundert sei Dank. Wenn der erste Schritt im Treppenhaus Erleichterung bringt und die Luft sich mit jeden Schritt in die Höhe mehr staut. Sommer, das sind die Grillschwaden und die Wiesen am Fluss, wo die eigentlich konservative Stadt plötzlich so alternativ wirkt.

Im Sommer läuft alles langsamer, ist jeder Schritt mühsamer, jede Pause angenehmer. Die Nase in die Sonne gehalten, von Schatten zu Schatten gesprungen, die Wassermelone und der Rosé schon bereit im Kühlschrank gelagert. Sommer ist auch der erste Federweißer, furchtlos im Fahrradkorb transportiert, eine Hand hält die Flasche, während die andere lenkt, einmal quer durch die Stadt.

Dieser Sommer war lang, anstrengend, mühsam, voller Lachen, Sehnsucht nach Regen, mit fleißigen Fingern auf der Computertastatur, fünfzehntausendneunhunderteinundsiebzig Wörter. Unzählige Stunden in Zügen. Der Sommer vor dem Abschied, vor einem Neuanfang. Wir kennen das, die Worte mit Zauber und Abschied und Anfang.