ein Jahr in Büchern [2017]

2018 ist schon über zwei Monate alt, aber eine Bücherliste ist auch verspätet nett. 2017 ist das Jahr meiner Masterarbeit, an derem Ende knapp zehn Seiten Bibliographie-Liste hängen. Umso beschränkter war die Zeit außerhalb des Schreibens, in der ich Fachbücher missachten und Romane atmen konnte. Lesen ist eine Leidenschaft, die ich während meines Studiums irgendwann schlicht vergessen habe. Und dann kam mein Geburtstag und mir fiel auf, dass mir niemand ein einziges Buch geschenkt hatte. Niemand. Nicht ein Buch. Was für ein Leben führe ich eigentlich?, fragte ich mich. Und so wurde 2017 zum Jahr der Rückeroberung. Neben dem Jahr der Masterarbeit, versteht sich.

Der Umzug nach China im Spätsommer brachte mir die Mitgliedschaft in der Online-Bibliothek des Goethe-Instituts. 2018 steht nun im Vorhaben, meine Merkliste dort leer zu lesen.

Sieben Highlights aus 2017

Diese Bücher sind natürlich nicht alle erst 2017 erschienen, im Gegenteil. Aber ich habe sie 2017 gelesen und das ist mein Spielplatz hier.

Margarete Atwood: The Handmaid’s Tale [auf Deutsch erschienen als Der Report der Magd]

Eine Zusammenfassung spare ich mir hier, das Buch ist bekannt genug und hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Ich kann nicht fassen, dass ich dieses Buch (und seine Autorin) erst so spät kennengelernt habe. The Handmaid’s Tale ist bereits 1985 erschienen und damit älter als ich, liest sich aber weiterhin sehr aktuell. Ich habe es quasi an einem Tag inhaliert (und habe sogar während der Arbeit gelesen, psst) und quatsche es seitdem jeder Person auf, die mich um eine Buchempfehlung bittet (und auch denen, die mich nicht darum bitten). Neben dem Inhalt hat mich Atwoods Sprache nachhaltig beeindruckt, weshalb ich nun den dringenden Wunsch habe, alle ihre Werke zu lesen.

Madeleine Thien: Do Not Say We Have Nothing [auf Deutsch erschienen als Sage nicht, wir hätten gar nichts]

Thien stand 2017 mit diesem Buch auf der Shortliste des Woman Prize of Fiction. Als ich im März wusste, dass es nach China geht, war der Griff zum einzigen Roman der Liste, der sich mit China beschäftigte, nicht schwer. 60 Jahre umspannend, von den Anfängen der Volksrepublik Chinas über die Kulturrevolution und die Studentenproteste 1989 erzählt Thien die Geschichte zweier Familien und wie sich Schicksale aneinander knüpfen, auch wenn der Mensch dagegen anzerrt. Mit besonderer Liebe wird über Musik geschrieben, die die Protagonisten atmen lässt und zu ersticken droht.

Chimamada Ngozi Adichie: Half of a Yellow Sun [auf Deutsch erschienen als Die Hälfte  der Sonne]

IMG_0020

Adichies Bücher spare ich mir auf, damit ich immer noch eines zum Lesen übrig habe. Half of a Yellow Sun schloss bei mir eine Wissenslücke, die ich erst bei Adichies erstem Roman Purple Hibiscus [Blauer Hibiskus] überhaupt wahrgenommen habe: die Geschichte Nigerias. Adichie schreibt nicht für ein unwissendes Publikum und das macht ihre Bücher so gut. Im Vordergrund stehen die Charaktere, der Hintergrund zeigt mir eine Welt, die mir unbekannt ist. Das Beste aus beiden Welten also.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet

Ich weiß nicht, wie dieses Buch überhaupt auf meine Leseliste gelandet ist, aber ich bin froh drum. So tun, als ob es regnet ist ein Familienepos auf unter 200 Seiten. Es ist perfekt in seiner Kürze und gleichzeitig wünschte ich mir 400 Seiten mehr. Ganz leise kommt es her und meine Gedanken hingen noch sehr lange dieser Geschichte nach. Große Literatur im Kleinen zu erreichen ist Königsklasse.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Ein Okapi, hellseherische Träume, zwei unerfüllte Lieben zwischen besten Freunden, eine Liebe in der Ferne, ein lange nicht aufgebautes Bücherregal, ein Dorf irgendwo in Deutschland. Zurecht wurde im letzten Jahr dieses Buch immer und immer wieder empfohlen. Ein Herzensbuch, was ich bereits verschenkt habe, so schön fand ich es. Fun Fact: Ich habe es als Online-Bibliotheksbuch gelesen und war ohne Internet bei einer Freundin, als die Ausleihzeit ablief und es automatisch auf meinem E-Reader gesperrt wurde. Das war eine nachträglich verstörende Erfahrung.

Phillip Pullman: His Dark Materials [auf Deutsch erschienen als Der Goldene Kompass, Das Silberne Messer, Das Bernstein-Teleskop]

IMG_0048

Ich gewinne ja nie etwas. Bis ich dann plötzlich doch etwas gewonnen hatte und eine wundervolle Gesamtausgabe der His Dark Materials Trilogie vom Postboten entgegen nahm. Ich erinnere mich gut daran, während meiner Kindheit Pullman in Stapeln aus der Bibliothek getragen zu haben, aber erst jetzt als Erwachsene kann ich sein Werk richtig wertschätzen. Diese Sprache! Diese Bilder! Zum ersten Mal auf Englisch lesend, bekam ich außerdem sogar noch einen Blick auf sehr anspruchsvolle Vokabeln. Dafür bin ich sehr dankbar – Kinder- und Jugendromane dürfen nämlich sehr gerne sprachlich anspruchsvoll sein und finden trotzdem ihre Leser und Leserinnen. His Dark Materials ließ in meinem Kopf eine epische Kinofilmszene nach der nächsten entstehen.

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher

Ich erinnere mich daran, als Kind die Dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär gelesen zu haben. Leider erinnere ich mich weder an Inhalt noch an Art des Buches. Daher kann ich es mir nur mit Ignoranz erklären, dass ich die anderen Bücher von Walter Moers noch nicht gelesen hatte. Und so musste ich mehrfach über Empfehlungen hinweggehen, bis ich dann noch (aus Langeweile) Die Stadt der träumenden Bücher aus der Online-Bibliothek auslieh.

Was soll ich sagen. Asche über mein Haupt. Ich habe selten so ein wundervolles, verqueres, einfallsreiches, verrücktes, übersprudelndes Buch gelesen. Neben so vielem anderen eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort.

Advertisements

Wie ist denn dein Chinesisch? [3] [Shanghai Edition]

Shanghai 9„Und, wie ist denn dein Chinesisch so?“ Meine Antwort variierte, wenn mir diese Frage gestellt wurde. Wenn mich eine Person fragt, die ich ein wenig kenne, fange ich weiterhin an sehr laut zu lachen. Wenn mich jemand aus dem Kollegium oder aus der Universitätsleitung bislang fragte, sagte ich schlicht, dass es nicht sehr gut sei.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Mit Sicherheit könnte ich mehr arbeiten, mehr lernen. Aber mir fehlt schlicht der Raum zum Üben. Im letzten Semester durfte ich dankenswerter weise einen Sprachkurs an meiner Uni belegen, doch… nun sagen wir, die Unterrichtssprache hat mich ein wenig eingeschränkt. Selbst mein Chinesisch ist dann doch besser als mein Mongolisch.

Mit einem Satz: Ich war frustriert. Als dann zwei Mitlektorinnen von ihrem geplanten Sprachkurs in Shanghai erzählten, habe ich nicht lange gezögert und mich sofort angemeldet. Und so fand ich mich Mitte Januar in Shanghai wieder.

Shanghai 3Shanghai 1Shanghai 4Shanghai 5Shanghai 7Shanghai 8Shanghai 6Shanghai 12Shanghai 10Shanghai 2Shanghai 11Shanghai 13

Shanghai ist groß. Shanghai ist alt, Shanghai ist neu. Shanghai ist europäisch, Shanghai ist chinesisch. Shanghai ist kosmopolitisch. Eine tolle Stadt. Außerdem gibts Käse.

Ich landete im Anfängerkurs, der sich als Jackpot herausstellte. Seitdem ich in China bin, habe ich noch kein so gutes Lehrwerk in der Hand gehabt – und jetzt durfte ich damit lernen. Mit mir im Kurs war noch A., eine Mitlektorin, ein Japaner und eine unbestimmbare Anzahl von Koreanern. (Ich weiß wirklich nicht, wie viele. Es waren nie alle da.) Das führte wiederum unsere Dozentin dazu, ein Tempo einzuschlagen, das seinesgleichen suchte. „Chinesisch ist leicht für Koreaner“, sagte sie und dann blickte sie zu A. und mir. „Und ihr seid Lehrerinnen, ihr versteht, wie man Sprachen lernt.“ A. und ich blickten uns an, atmete tief ein und aus und verbrachten ab da jeden Tag mehrere Stunden mit Lernen. Und so kann ich nun mit sehr viel Stolz sagen, dass wir uns in vier Wochen den Inhalt eines kompletten Semesters in den Kopf gehauen haben. Ich kann nun tatsächlich schreiben (also, 200 Zeichen vielleicht, aber immerhin). Und mit Taxifahrern reden. Und im Restaurant in ganzen Sätzen bestellen. Und von meinem Tag erzählen. Den Sprachkurs zu belegen war wohl mit Abstände die beste Entscheidung der vergangenen acht Monate.

Meine Antwort hat sich jetzt geändert. Jetzt sage ich, dass ich ein wenig Chinesisch kann. Es tut gut, dass das nun keine Höflichkeitslüge mehr ist.

Streiflichter aus Hanoi

Diesen Text habe ich vor ziemlich genau drei Monaten geschrieben. Wie gut, dass ich nie dazu gekommen bin, die Fotos dazu rauszusuchen… Jetzt ist es soweit. Ich präsentiere: eine drei Monate alte Wortesammlung.

batch_P1040581batch_P1040562Hanoi 1batch_P1040416batch_P1040499batch_P1040509batch_P1040530batch_P1040453batch_P1040425batch_P1040424batch_P1040407batch_P1040426batch_P1040429batch_P1040438batch_P1040449

Ich stehe in der Ankunftshalle des Flughafens. Es ist Stunde 15 der Reise. In meinem Booklet steht, ein Taxi zum Hotel koste 300.000 Dong und deshalb lache ich die Agentur aus, die mir ein Taxi für 550.000 Dong andrehen möchte. Leider möchte mich niemand für 300.000 Dong fahren, der günstigste Preis, der mir geboten wird, ist 400.000. Aber ich habe doch mein Booklet. Ich wiederhole 300.000. Da springt plötzlich ein Mann aus dem Nichts. 300.000, ok!, sagt er. Wirklich?, frage ich. Ja, ja! Und ehe ich mich versehe, befinde ich mich in einem Van mit fünf Vietnamesen. Was folgt, ist eine Fahrt, für die mir als einziges Adjektiv ausschließlich sketchy einfällt. Zwischenzeitlich zweifle ich daran, ob ich jemals im Hotel ankomme. Irgendwann wird der Fahrer langsamer. Hier?, fragt er. Ich fange an zu lachen. Sie müssen das doch wissen!, sage ich, ehrlich verzweifelt. Zehn Sekunden später sehe ich den Namen des Hotels in leuchtenden Buchstaben über den Dächern. Nach einer Quittung frage ich gar nicht erst. Die 10 Euro werde ich nicht abrechnen können. Es ist mir egal. Es ist Stunde 16 der Reise und ich falle in ein wundervolles, sauberes, weiches Hotelbett.

.

Bei jeder Person, die ich auf der Akademie wiedersehen oder neu kennenlernen darf, freue ich mich aus ganzem Herzen.

.

Mit drei chinesischen Lektorinnenkolleginnen (großartiges Wort) laufe ich durch die Hanoier Altstadt. Ich bin null auf Hanoi vorbereitet. Es ist heiß und ich habe keine Idee, was die Stadt so alles bietet. Und so laufe ich glücklich hinter den dreien her, die sehr viel mehr Ahnung haben als ich. In einem Café esse ich das beste Baguette seit drei Monaten und eine Kollegin bestellt einen Schokoladenkuchen, der diese Bezeichnung wahrlich verdient hat.

.

Es ist 30°C. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 94%. Meine Haare, sonst irgendwo zwischen lockig und glatt, entdecken ihre Lust auf Party. Ich verbringe die Woche mit doppeltem Haarvolumen.

.

Große Dankbarkeit.

Was im Dezember geschah.

P1040731

Symbolbild Weihnachten in China oder: Shenyang versteht was von Weihnachtsdekoration.

Dezember ohne Adventszeit. Das war nicht das erste Mal und vielleicht wahrscheinlich auch nicht das letzte, aber es ist eine Zeit, die mich herausfordert. Das Problem dabei ist: Ich mag Weihnachten. Ich mag die Adventszeit. Ich mag die Hektik, die vielen Proben, die Musikbeschallung, überteuerten Glühwein, die Jagd nach Geschenken. Ich mag das Schmuddelwetter, den Geruch von gebrannten Mandeln über der Stadt, das Leuchten in den Straßen und die viel zu großen Erzgebirgemühlen auf jedem Weihnachtsmarkt in jeder deutschen Stadt. Ich backe Plätzchen und schreie verzweifelt den Teig an, wenn der nach vier Mal Ausstechen immer noch kein bisschen weniger geworden ist. Ich lasse das Weihnachtsoratorium laufen und singe Bereite dich, Zion falsch mit.

Kurz gesagt: Ich mag die Vorweihnachtszeit. Wirklich.

Dezember ohne all dieses ist ein bisschen wie Sommer ohne Sonne und Ostfriesentee ohne Sahne. Kann man machen. Muss man nicht. Oder in meinem Fall dann eben doch.

Zu meinem Glück gibt es die besten Mitlektorinnen. Am 23.12. unterrichtete ich meinen Lieblingskurs, fuhr nach Hause, packte meinen Koffer und stieg abends in ein Flugzeug. Das brachte mich nach Shenyang. Dort bekam ich eine kleingeschnittene Gurken, eine Weihnachtsfeier und Cocktails. Am 24.12. stieg in einen Zug, der mich nach Dalian brachte. Dort bekam ich Meer, ein internationales Buffet, ein sehr würdiges Julklapp, eine Grippe und eine darauf folgende liebevolle Versorgung. Ich korrigiere mich. Ich habe die allerbesten Mitlektorinnen. <3.

P1040735

Dalian gewinnt allein schon wegen des Meeres. Kannste nichts machen.

Zwei Tage später brachte mich ein weiteres Flugzeug zurück nach Hohhot. Dort wollte eine Prüfung beaufsichtigt werden. Meine Grippe war aber dagegen.

Dank des besten Kollegiums haben wir aber auch da eine Lösung gefunden. Und weil ich dermaßen mit (rezeptfreien) Antibiotika vollgeknallt wurde, konnte ich sogar am 30.12. erfolgreich in einen Zug nach Peking steigen. Dort besuchte ich leckere Restaurants und lief ziellos durch die verbotene Stadt. Und an Neujahr saß ich in einem Flugzeug, das nach Japan flog. Aber das war ja im Januar und damit eine Geschichte für einen anderen Tag.

siebeneinhalb Stunden

Guangzhou 2Guangzhou 3Guangzhou 4Guangzhou 5Guangzhou 6Guangzhou 7Guangzhou 8Guangzhou 9Guangzhou 10Guangzhou 11Guangzhou 12Guangzhou 13Guangzhou 14

Hohhot erweist sich nicht gerade als Knotenpunkt Chinas. Besonders auffällig wurde das, als ich nach Vietnam fliegen wollte. Dort sollte meine Herbstakademie stattfinden und dafür wollte ich rechtzeitig ankommen. Während der Suche nach der perfekten Verbindung zeigte sich jedoch, dass die Strecke Hanoi – Hohhot wohl von so ungefähr niemandem regelmäßig genutzt wird. Und so bildeten sich zwei Extreme zwischen vernünftiger Reisezeit und unvernünftigen Preis (1000€ über Peking in 8-9 Stunden) und unvernünftiger Reisezeit und vernünftigen Preisen (300€ in 24 Stunden). Ich wählte die goldene Mitte (unvernünftige Reisezeit und unvernünftige Preise?) und hatte eine Umsteigezeit von siebeneinhalb Stunden in Guangzhou.

Guangzhou ist unbekannt? Jetzt ist Zeit zum googeln. Erfolgreich? Gut. Für alle hinter der Großen Firewall: Guangzhou liegt circa eine Flugstunde von Hongkong entfernt. (Aber wer sich hinter der Großen Firewall befindet, weiß das vermutlich bereits.)

Die erste Erkenntnis war, das Guangzhou einen tatsächlich sehr schönen Flughafen besitzt. Die zweite war, dass das auch für ungefähr 75 Prozentpunkte mehr Luftfeuchtigkeit im Vergleich zu Hohhot gilt. So nett der Flughafen aber auch war, ich hatte wenig Verlangen dort stundenlang herumzusitzen. Und so gab ich mein Gepäck bei einer nett lächelnden Dame hinter einem Schalter ab, verwendete 10 Minuten darauf das U-Bahn-Ticket-System zu verstehen und fuhr dann in die Stadt rein.

Genau einen Tempel habe ich geschafft. Aber der war es wert. Gebaut als Akademie und Herberge für alle der Cheng Familie Anhörenden, ist dort heute ein volkskundliches Museum angesiedelt. Und das nächste Mal gehe ich dann im stadteigenen Naturpark inklusive Berg spazieren.

Ein Tag im Oktober

Berge 1Berge 2Berge 3Berge 4Berge 5Berge 6Berge 7Berge 8Berge 9Berge 10

Von meinem Küchenfenster aus kann ich die Berge sehen. Grund genug für mich mir seit meinem ersten Tag in Hohhot zu wünschen, dort wandern zu gehen. Ohne Ortskenntnisse (von Sprachkenntnissen mal ganz zu schweigen) gestaltet sich die Umsetzung jedoch erstaunlich komplex. Und deshalb sagte ich sofort zu, als mir ein Kollege von einem Fakultätsausflug in die Berge erzählte.

Wie sich zeigte, stellte ich die sowohl die komplette Vertretung der Deutschabteilung als auch der Ausländer. Die einzigen beiden anderen nicht-chinesischen Kollegen, beide aus der Anglistik, hatten von dem Ausflug nichts mitbekommen und die anderen Deutschlehrkräfte hatten keine Zeit oder waren krank. Dankenswerter weise kannte ich bereits einige Kolleginnen aus der Anglistik und vor allem Dingen kannten sie mich, das war vielleicht sogar das größere Glück. Weiterhin lernte ich, dass solche Ausflüge typischerweise von den zuständigen Parteifunktionären und Parteifunktionärinnen an der Universität veranstaltet werden und außerdem hat irgendjemand alles bezahlt (ob Partei oder Uni, das kann ich nicht sagen. Etwas sagt mir, dass das auch ein wenig egal ist.)

Von Wandern konnte an diesem Tag leider keine Rede sein. Stattdessen bekam ich aber einen wunderschönen Spaziergang inmitten eines goldfarbenen Waldes und ein Spektakel der ganz besonderen Art. Ich dachte immer, ich sei mit meiner großen Kamera seltsam, aber davon bin ich nun abgerückt. Ich bin seltsam, weil ich die Natur fotografiere und nicht die Menschen darin. Meine Kolleginnen beeindruckten mich nachhaltig mit ihren Posing-Skills, die jedes Model bei irgendwelchen Topmodel-Fernsehschows erblassen lassen. Vielleicht lerne ich das auch noch irgendwann. (Oder auch nicht. Wahrscheinlich nicht.)

Der Ausflug endete mit einem Mittagessen in einem mongolischen Restaurant. Als Vegetarierin kann ich mir bessere Ziele vorstellen, aber auch da zeigte sich die Gastfreundschaft und der Wunsch sich um mich zu kümmern – die Kolleginnen und Kollegen bestellten ein Gemüsegericht nach dem nächsten, damit ich auf keinen Fall verhungere. (Ich versichere, diese Gefahr bestand nun wirklich zu keinem Zeitpunkt.) Weiterhin lernte ich, dass ich zwar von einem durchschnittlichen Fleischgericht neben mir nicht von meinem Appetit abgelenkt werde, die Grenze jedoch eindeutig bei Hammelbeinen mit Hufen dran liegt. Ist ja auch wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen. Als Ablenkung empfehle ich Baijiu (=Reisschnaps oder sowas, quasi der Wodka Chinas. Oder der Korn, so als deutscher Vergleich). Das hilft.

Auf der Mauer

Große Mauer 19Große Mauer 1Große Mauer 4P1040089Große Mauer 9Große Mauer 10Große Mauer 13Große Mauer 16Große Mauer 12Große Mauer 15Große Mauer 17Große Mauer 21

Die Entscheidung nach China zu gehen fiel zwar nicht spontan, aber in einer Zeit, die so stressig war, dass ich zeitweise meinen eigenen Namen nicht mehr wusste. (Übertreibung ist ein literarisches Stilmittel, habe ich mal gelernt). Als Konsequenz habe ich erstaunlich wenige Dinge, die ich unbedingt in China machen möchte. Aber eins war mir klar: Wenn ich schon nach China fliege, dann will ich auch auf der Großen Mauer stehen.

Die Große Mauer ist eine der Sehenswürdigkeiten Pekings. Es gibt mehrere bekannte und restaurierte Abschnitte, die leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Die Abschnitte sind im regulären Betrieb schon gut besucht. Während der Goldenen Woche ist eine Sardinendosendichte zu erwarten. Darauf hatten wir eher weniger Lust. Was tun?

Hiermit bin ich an dem Punkt angekommen, in dem ich gestehen muss: Die Lösung dieses Problems habe ich von einem YouTube-Reisevideo. So ein richtiges mit US-amerikanischem Tween mit blonden Haaren und strahlenden Lächeln und immer guter Laune. Nun ja. Der gleiche Tipp kam dann nur wenig später auch von Seiten einer Kollegin. So fanden wir ein Homestay an einem unrestaurierten Abschnitt der Mauer, mit Abholservice, Übernachtung und Wanderkarte. Wir fuhren los, kletterten auf tausend Jahre alten Steinen, blickten in menschenleere Weite, sahen den Smog heraufziehen, zogen Parallelen zu Mulan und Game of Thrones, machten zu viele Fotos, hielten die Nasen in den Wind und sangen Auf der Mauer, auf der Lauer. Es war atemberaubend.

Große Mauer 7